Neues aus Beijing 2006-2007

Donnerstag, Februar 08, 2007

Romantisches candlelight diner - Über den Strom in China

Nachdem ich den Umzug aus dem Wohnheim, das mir mittlerweile schon ziemlich auf die Nerven ging, erfolgreich hinter mich gebracht habe, wohne ich nun in einer netten 3er-WG 100 m von der U-Bahn-Station. Die Wohnung ist nur unwesentlich teurer als das Wohnheim, aber mit allem Luxus ausgestattet, den man in China so bekommt: Fußbodenheizung, 24 h bewacht, Putzfrau, voll eingerichtete Küche, Wärmelampen im Bad, Internetflatrat, etc.
Das Internet geht übrigens auch wieder perfekt. Ich hatte ja schon angmerkt, dass ich nach Weihnachten kaum eine Chance hatte, bei blogger.com auf die Seite zu gelangen und schon allein deshalb nichts schreiben konnte. Jetzt klappt es aber wieder prima. Dank der Flatrat habe ich nun den luxuriösesten Internetzugang meines Lebens ;-).
Aber zurück zur Wohnung: Ich habe derzeit wie bereits erwähnt zwei Mitbewohner, David aus den USA und Jörgen aus Schweden. Carl, der andere Schwede und Hauptmieter, der alles um die Wohnung managt, ist zurzeit in Schweden, so dass ich gerade in seinem Zimmer wohne, übergangsweise. Angemeldet habe ich mich auch schon bei der Polizeistation. Das ist ganz wichtig, wenn man als Ausländer außerhalb des Campus wohnt, wie bei uns das Einwohnermeldeamt. Eigentlich wollte ich das vor Shanghai machen, aber da ging es nciht, weil der Vermieter mit seiner Wohnungssteuer ordentlich im Rückstand war...Da hieß es, ich sollte mit ihm zusammen kommen. In Wirklichkeit ging es natürlich nur um
die Kohle. Als ich mich mit dem Vermieter vor der Polizeistation getroffen habe, hatter er das wohl schon erledigt und ist gar nicht noch mal mit reingekommen. Aber Hauptsache, es ist alles Formale erledigt.
Jörgen fliegt übrigens morgen nach Schweden zurück, so dass ich dann mein endgültiges Zimmer bekomme als "Henne im Korb" sozusagen ;-). Das wird lustig, wobei ein paar Tritte in den Hintern den guten Jungs nicht zu schaden scheinen, vor allem was Aufräumen und Energie sparen angeht. Letzteres führt uns jetzt auch zum eigentlich anvisierten Thema zurück: Nämlich Stromversorgung in China.
Als ich gestern Abend heimkam, bot sich mir ein wirklich niedlicher Anblick: David saß am Esstisch ganz verzweifelt vor einer Kerze und warf mir einen treu-erleichterten Hundeblick zu, als ich zur Tür rein kam, im selben Moment stürzte Jörgen ganz aufgeregt aus seine Zimmer, gestikulierte wild und redete aufgeregt auf mich ein. Es dauerte ein bißchen, bis ich die Schwere der Lage verstanden hatte. Wir reden untereinander nur Chinesisch. Jörgens Chinesisch ist allerdings nicht so gut und Davi nuschelt immer so, weil er die Töne nicht immer weiß (er weigert sich aber standhaft Englisch zu reden, ist für mich auch ok). Zur Aufklärung des Ganzen trugen auch die Teelichter im Bad vor dem Spiegel bei und die Tatsache, dass David ganz traurig meinte, er hätte wohl einen Teil seiner Arbeit verloren, da mitten beim Schreiben der Computer abgestürzt war. Da war mir dann klar: Unser Stormguthaben ist aufgebraucht! Stromguthaben? fragt sich der verwöhnte Deutsche jetzt. Aber Strom ist doch immer da (wenn man mit seiner Rechnung nicht im Verzug ist). Pustekuchen! Nciht so in China. hier läuft die Stromversorgung wie folgt: Vor jeder Wohnung befindet sich ein Zählerkasten mit einem Schlitz für die Stromkarte. Das ist eine Plastikkarte wie eine EC-Karte mit einem Lesefeld. Diese muss man aufladen und in den Zählerkasten schieben. Dann übertragen sich die Stromeinheiten automatisch auf den Zähler und man hat Strom. Unsere Einheiten waren nun aufgebraucht. Daher blieb uns gestern Abend nichts anderes übrige als ins Bett zu gehen. Denn für das Wohngebiet, in dem ich jetzt wohne, vertreibt die Industrial and Commercial Bank of China den Strom. Und Banken haben auch in China nur von 9 bis 16 Uhr geöffnet. Also bin ich heute morgen auf die Suche nach einer Filiale der ICBC gegangen. Carl hatte mir, bevor ich eingezogen bin, die Energieversorgung der Wohnung schon erklärt, so dass es mich nicht aus heiterem Himmel traf. "Papa Carl" (wie Jörgen ihn nennt) kümmert sich sonst ja um alles, weshalb meine beiden Mitbewohner sich etwas hilflos anstellten. Aber Carl hatte gesagt, dass es hier in der Nähe eine ICBC gibt. Vor dem Haupttor der Tsinghua Uni gibt es auch sage und schreibe 4 Banken, ICBC war aber nicht dabei. Eine Strasse weiter fand ich dann ein ICBC-Schild - aber eine Anwohnerin sagte mir, dass die Filiale umgezogen sei. Schöner Mist. Also bin ich zum Service-Center des Wohngebietes gegangen, schon leicht angenervt. Die sagten mir dann, ich müsste zwei Haltestellen mit dem Bus fahren, das wäre nicht weit und da wäre dann eine ICBC. Also habe ich das gemacht, die Fahrt kostet ja nur 10 Cent. Das kann mna verschmerzen. Aber weit und breit war nichts von einer ICBC zu sehen, als ich ausstieg. Da ich mich um die Ecke der Peking Unversität befand, habe ich einen der Wachleute dort gefragt und der sagte mir, das auf dem Campus eine Filiale sei. Also bin ich auf die Suche gegangen - glücklicherweise wusste schon der zwiete (!) Student, den ich fragte - ein Post-Doc sogar, hoho - bescheid und hat mich sogar hinbegleitet. Puh, war ich froh diese Bank zu sehen. Dann hieß es Nummer ziehen und warten. Zum Glück waren auch nur 15 Leute vor mir und nicht 45 wie sonst. Außerdem liefen Tom und Jerry Filme zur Unterhaltung der Wartenden. Das war also recht kurzweilig. Als ich dran war, stellte sich noch heraus, dass man nicht mit Karte zahlen konnte, bzw. natürlich nur mit einer ICBC-Karte (geschickt, geschickt). Glücklicherweise hatte ich gestern Geld geholt, so dass das kein Problem trotzdem aber eine nicht eingeplante Ausgabe war. Naja, einen Teil kriege ich ja von meinen Mitbewohnern wieder. Insgesamt habe ich 410 Stromeinheiten für etwa 20 Euro erworben. Das letzte Mal hatte Carl auch so viele Einheiten gekauft und die haben etwa einen Monat für drei Personen gereicht. Wirklich teuer ist es also nicht, wenn man bedenkt, dass Franz und ich zu zweit monatlich 29 Euro für Strom zahlen. Verwunderlich vor dem Hintergrund der Tatsache, dass China lnagfristig ein Energieversorgungsproblem bekommen wird, hat es zum Teil schon jetzt. Aber in Bejing wird der Strom natürlich abgschaltet, wenn es Engpässe gibt. Da ist erst mal Tianjin dran, eine der regierungsunabhängigen Städte, die in der Nähe von Peking liegt, und im Notfall als Versorgungszentrum oder Energiepuffer für die Hauptstadt mißbraucht wird.
Auf jedem Fall wird einem in so einer Situation aber erst mal klar,
wie abhängig der moderne Mensch von der Energieversorgung ist. Es funktioniert nichts mehr, was das normale Leben so ausmacht, Licht, Kühlschrank, Waschmaschine, Computer (!), Kaffeemaschine, Wasserkocher, Heizung (!hier wird größtenteils über die Klimaanlage geheizt, weil Strom billiger als Gas ist!), etc. Wahnsinn, wenn man sich das vorstellt. Naja, für den Moment zumindest sind wir wieder an den Stromkreislauf angeschlossen, und ich werde den Stromzähler wohl ab und zu checken - ein Glück, dass es nicht freitags passiert ist. Am Wochenende haben Banken hier nämlich zu...