Interkulturelle Unterschiede (1)
Wenn man sich schon in so einem ganz anderen Kulturraum aufhält, muss man doch auch mal ein paar interkulturelle Anmerkungen anbringen. Und da gibt es nicht wenige in Bezug auf China…
Was wirklich für den im westlichen Sinne zivilisierten Menschen gewöhnungsbedürftig ist (ich kann mich nicht daran gewöhnen) ist ein verbreiteter Selbstreinigungsritus der Chinesen: Man geht völlig ahnungslos die Strasse entlang - plötzlich ertönt von hinten ein durchdringendes Geräusch, als ob jemand dabei wäre, seine Eingeweide hochzuwürgen, und im nächsten Moment fliegt ein gelb-grünes Etwas (bekannt als „Aule“ oder im Sprachraum eines Kommilitonen: „Jalla“) haarscharf an einem vorbei in die Büsche. „Better out than in“, hat schon Shrek gesagt … Und es ist nicht nur so, dass irgendwelche Burschen vom Lande dieses Ritual vollziehen. Auch von den herausgeputzten, niedlichen Chinesinnen kann man es zu sehen oder hören bekommen. Der Regierung gefällt dies nicht so sehr. Vermutlich ist es irgendwie durchgedrungen, dass dieses Verhalten genauso wie lautes Schreien auf der Strasse oder Angaffen von Ausländern im Westen als nicht zivilisiert gilt. Und China ist ja eigentlich von jeher universell zivilisiert. Daher gibt es dagegen entsprechende Kampagnen und Schilder mit der Aufschrift „ Bitte nicht auf den Boden spucken“. Ich muss aus eigener Erfahrung sagen, dass sich das Spucken in den letzten Jahren zumindest in den großen Städten deutlich reduziert hat, aber einmal täglich kriege ich es hier mindestens doch noch zu hören. Man fragt sich auch fast schon, ob einem in China nicht doch etwas fehlen würde…
Bleiben wir doch bei körpernahen Geräuschen, dieses Mal in Bezug auf essen. Tischmanieren sind in jedem Land anders definiert, so auch in China. Rülpsen, Schmatzen und Schlürfen – das alles ist ganz normal und gesittet hierzulande. Was aber gar nicht geht ist Naseputzen am Tisch, auch nicht wenn man sich abdreht. Deshalb ist das lautstarke Hochziehen des Naseninhalts ebenso erlaubt, was einem In Deutschland wohl einen missbilligenden Blick des Tischnachbarn einbringen würde… Das Verteilen von Essensresten, ungenießbaren Teilen und Knochen über und unter dem Tisch ist auch ein häufig zu beobachtendes Phänomen. Selbst in edlen Restaurants werden auf diese Weise Schlachtfelder hinterlassen. Das sind eben Unterschiede in der gesellschaftlichen Akzeptanz. Was aber m. E. wirklich zu weit geht, ist das in der Mensa häufig zu beobachtende Verhalten männlicher Studenten, die anscheinend versuchen, in kürzester Zeit möglichst viel Essen herunter zu schlingen: Dabei wird der Rand der Schlüssel zwischen die Lippen genommen und deren Inhalt mit den zur Schaufel umfunktionierten Stäbchen in einem atemberaubenden Tempo in das Nahrungsaufnahmeorgane geschoben. Das geht selbst den Chinesen zu weit...
Sehr interessant sind auf der anderen Seite wiederum die überzogenen Hygienevorstellungen der Städter, von denen es welche geben soll, die neunmal am Tag duschen, während es Gegenden in China gibt, wo die Leute nicht mal Zugang zu sauberem Trinkwasser haben (dieses wird teilweise per Tankwagen in die Städte abtransportiert). Problematisch sind dann wieder die Gemeinschaftsduschen in den Wohnheimen, die dazuführen, dass manche Studenten sich nicht trauen zu duschen … ein anderes Phänomen der städtischen Hygiene, das sich inzwischen verbreitet hat, ist die Verwendung spezieller Spülmittel für Obst und Gemüse. Ich wollte es ja nicht glauben, aber das gibt tatsächlich. Auf den Falschen steht dies extra drauf. Auch bei den meisten normalen Spülmitteln findet man als Anwendungsgebiet neben Geschirr und Töpfen in der Regel Obst und Gemüse mit angegeben. Im Hinblick auf den extremen Einsatz von chemischen Düngemitteln und Pestiziden ist dies auch gar nicht so unangebracht. Ich habe mich zumindest schon daran gewöhnt :-).
Woran ich mich NIE gewöhnen werde und was mich wirklich noch verrückt macht, ist die für mich „verkehrte Welt“ des Schönheitsideals: Aus braun mach weiß, aus blond mach schwarz lautet da die Devise. Gilt bei uns knackig braun gebrannte Haut als besonders attraktiv, so ist es hier der Alabasterteint. „Blondinen bevorzugt“ wird hier zu „schwarz wie Ebenholz (in der chinesischen Variante, versteht sich)“. Leider wirkt sich das auch auf die entsprechenden Kosmetikprodukte aus: Keine Creme, kein Gesichtswasser, kein Waschgel, kein gar nichts für das Gesicht, was nicht einen strahlend Weissungseffekt verspricht – wie Selbstbräuner (davon halte ich genauso wenig) bei uns, nur penetranter und omnipräsent. Das heisst also, dass ich in diesem Bereich ein gewisses Autarkiebestreben verfolgen muss. Glücklicherweise habe ich gerade ganz viel Nachschub aus Deutschland bekommen (vielen Dank an Susi und Dominique dafür!). Das Pendant zu unserem Blondierungsshampoo ist hier das Schwärzungsshampoo. Das ist aber nicht so präsent wie der Weissungseffekt, und man bekommt problemlos Shampoo ohne dieses „Versprechen“.
Das Streben nach „Weissheit“ der Chinesinnen (betrifft natürlich mal wieder nur die Frauen) hat übrigens noch einen anderen lustigen Nebeneffekt: Sobald ein winziger Sonnenstrahl durch die Smogdecke zu brechen droht, gehen rings um einen die niedlichen, bevorzugt rosafarbenen Sonnenschirmchen auf – das erinnert doch an die Jahrhundertwende (19./20. Jh.) in Deutschland, war das da nicht auch noch so?
